Wie die Villeseen entstanden: Vom Braunkohletagebau zur Seenplatte
Über 40 Seen zwischen Brühl und Erftstadt-Liblar — in einer Region, die von Natur aus keine Seen kennt. Jeder einzelne von ihnen ist ein ehemaliger Braunkohletagebau. Wer heute am Liblarer See badet oder um den Bleibtreusee wandert, steht auf dem Grund eines Tagebaus, der vor hundert Jahren tiefste Industrielandschaft war. Die Geschichte, wie aus 20 Gruben eine der schönsten Seenlandschaften Nordrhein-Westfalens wurde, ist eine über ein Jahrhundert.
Warum hier: Die Geologie der Ville
Die Braunkohle der Ville ist vor 20 bis 23 Millionen Jahren entstanden — im Miozän, als das Klima in der Kölner Bucht Moore begünstigte. Pflanzenreste, die im Wasser nicht zersetzt werden konnten, bildeten Torf. Schotterschichten lagerten sich darüber ab, schlossen den Torf luftdicht ab. Der Druck presste ihn im Lauf der Jahrtausende zu Braunkohle. In der Ville erreichten die Braunkohleflöze eine Mächtigkeit von bis zu 70 Metern.
Was die Ville für den Braunkohlebergbau so attraktiv machte, war ihre geologische Lage: Ein etwa 60 Meter hoher Höhenzug (ein sogenannter Halbhorst), der sich beim Einsinken der Kölner Bucht herausgehoben hatte. Die Kohleflöze streichen hier an der Oberfläche aus oder standen nur wenige Meter unter dem Boden. Nirgendwo sonst im Rheinischen Revier lag die Braunkohle so oberflächennah. Deshalb nahm der industrielle Abbau gerade hier seinen Ausgang.
Die ersten Gruben: Vom Turf zum Klütt
Bereits im 17. Jahrhundert entdeckte man, dass die nasse Schicht über der Tonschicht — die man für die Keramikherstellung abgraben musste — nach der Trocknung brennbar war. Diese torfartige Substanz wurde „Turf" genannt und von Kleinbauern und Tagelöhnern mit Hacke und Spaten abgebaut. In Töpfen verdichtete man sie zu sogenannten Klütten (von niederdeutsch „Kluit" = Klumpen), die an der Luft getrocknet wurden. Der Heizwert war gering, die Klütten wurden vor Ort genutzt oder an arme Leute in der nahen Stadt verkauft.
Erst im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde die Braunkohle zum Energieträger. 1877 gründete Friedrich Eduard Behrens die Gewerkschaft Roddergrube — der Beginn des industriellen Braunkohleabbaus im Brühler Raum. 1878 folgte die Gewerkschaft Brühl, 1892 Hermann und Carl Gruhl mit dem Gruhlwerk. 1874 hatte Hermann Bleibtreu, ein Pionier der Brühler Braunkohleindustrie, erstmals ein Grubenfeld südlich von Heide aufgeschlossen — später wurde der Bleibtreusee nach ihm benannt.
Das Südrevier: 20 Tagebaue auf engstem Raum
Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich im Gebiet der Ville etwa 20 Tagebaue entwickelt. Sie lagen dicht beieinander — zwischen Brühl im Südwesten und Erftstadt-Liblar im Nordosten. Die wichtigsten Gruben waren:
Grube Liblar — Aufschluss 1900, Betreiber die Braunkohlenbergwerk und Brikettfabrik Liblar GmbH (gegründet 16. Januar 1899). Die Kohle wurde in einer angrenzenden Brikettfabrik weiterverarbeitet. Ab 1920 folgte die Erschließung von Flächen nördlich der Brühler Straße. 1917 übernahm die Felten & Guilleaume Carlswerk AG die Betreibergesellschaft, 1952 die Roddergrube AG. Ende 1957 wurde die Kohleförderung eingestellt, die Brikettfabrik am 31. März 1961 endgültig geschlossen. Aus dem Restloch entstand der Liblarer See mit 52,8 Hektar Fläche.
Grube Donatus — Hier wurde 1895 der erste Abraumbagger eingesetzt, der zuvor beim Bau des Nord-Ostsee-Kanals gebaut worden war. Ein Meilenstein der Mechanisierung.
Grube Berggeist — 1899 entstand hier das erste Kraftwerk im Rheinischen Braunkohlerevier mit einer Leistung von etwa einem Megawatt. 1906 übernahm die Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerke (RWE) das Kraftwerk — der Beginn der bis heute über hundert Jahre dauernden Verbindung von Braunkohle und RWE.
Grube Gotteshülfe — 1951 als Tagebau aufgeschlossen. Aus dem Restloch entstand der Otto-Maigler-See in Hürth, mit 50,5 Hektar einer der größten Seen der Seenplatte.
Grube am Heider Berg — Braunkohle wurde hier bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert gewonnen. Das Gruhlwerk und die Roddergrube wurden von hier beliefert. Der Abbau endete 1964, im Jahr darauf entstand der Heider Bergsee. Der Hürther Bergwerksdirektor Adolf Dasbach leistete hier Pionierarbeit bei der Rekultivierung — lange bevor es gesetzliche Verpflichtung gab.
Weitere Gruben: Roddergrube (geschlossen 1933), Maria Glück (geschlossen 1931), Vereinigte Ville bei Knapsack, Concordia, Theresia. Der Hürther Waldsee entstand 1986 als reiner Naturschutzsee, der Bleibtreusee 1973.
Wie aus Gruben Seen wurden
Die Entstehung der Seen ist ein geologischer Vorgang. Unter der Braunkohle liegen Tonschichten, die das Grundwasser stauen. Als die Tagebaue stillgelegt wurden und die Pumpen abgestellt wurden, stieg das Grundwasser in den flachen Gruben rasch wieder an. Die Restlöcher füllten sich mit Wasser.
Bei einigen Seen war die Entstehung geplant. Der Otto-Maigler-See geht auf einen Rekultivierungsbetriebsplan zurück, den das Bergamt Brühl am 3. Oktober 1959 genehmigte — basierend auf Vorarbeiten des Kölner Landschaftsarchitekten Victor Calles, der seit 1946 für die Rekultivierung der Abbaugebiete plante. Um aus den kleinen Restlöchern einen großen See zu schaffen, wurden drei Tonrücken abgetragen, die das Restloch teilten. So ließen sich die Einzelflächen zu einem See von 50,5 Hektar zusammenfügen.
Der Otto-Maigler-See wurde nach Otto Maigler benannt, dem Direktor der Roddergrube AG, der sich als Vorstandsmitglied der Rheinbraun für die Wiederaufforstung und Rekultivierung eingesetzt hatte. Er verstarb am 20. Juni 1967. Am 24. Juli 1967 beschloss der Gemeinderat Hürths, den See nach ihm zu benennen. Im Juni 1977 wurde das Erholungsgebiet der Öffentlichkeit übergeben.
Andere Seen entstanden unplanmäßiger. Der Heider Bergsee bildete sich 1965, ein Jahr nach dem Ende des Abbaus. Der Liblarer See füllte sich nach der Stilllegung der Grube Liblar Ende 1957. Der Bleibtreusee entstand 1973. Der Hürther Waldsee wurde 1986 fertiggestellt und von Anfang an als reiner Naturschutzsee geplant — heute ist er nach der europäischen FFH-Richtlinie als Schutzgebiet ausgewiesen.
Die Rekultivierung: Wie aus Industrie Wald wurde
Die Rekultivierung der Ville begann um 1920 — mit der Aufforstung von Buchen, Kiefern, Roteichen und Lärchen. Die ersten Pflanzungen waren Versuche, ohne Vorbilder. Schon um 1920 wurden die ersten Bäume in die ausgekohlten Gruben gesetzt.
Victor Calles, ein freier Kölner Landschaftsarchitekt, war der Visionär der Rekultivierung. Seit 1946 arbeitete er an Plänen für die Wiedernutzbarmachung der Abbaugebiete. 1961 legte er im Auftrag der Gemeinde Hürth einen konkreten Plan für das Gebiet des Feldes Gotteshülfe vor — der Grundlage für den Otto-Maigler-See.
Bis in die 1970er Jahre war der Braunkohleabbau in der Ville beendet. Die Rekultivierung war abgeschlossen. Entstanden war eine Wald-Seen-Landschaft: 2400 Hektar forstliche Rekultivierung, 660 Hektar landwirtschaftliche Rekultivierung und über 40 Seen. Mächtige Buchen und Eichen mit einer vielfältig differenzierten Krautschicht lassen heute kaum mehr ahnen, dass man sich auf ehemaligem Industriegelände befindet. Die rekultivierten Wälder der Ville sind die ältesten großflächigen und kontinuierlich waldbaulich entwickelten rekultivierten Wälder des Rheinischen Braunkohlenreviers.
Die Seen heute: Ein Portrait
Liblarer See (Erftstadt): 52,8 Hektar, entstanden aus Grube Liblar (Betrieb 1900-1957). Badesee mit Sandstrand, Strandbad, Campingplatz, Segel-Club Ville und Wassersportfreunde Liblar. Der See ist auch als „Lido" bekannt.
Bleibtreusee (Brühl/Hürth): 74,2 Hektar, entstanden 1973. Der größte See der Seenplatte, benannt nach Hermann Bleibtreu. Wasserski-Anlage seit Juli 2007, kostenfreier Badebereich, Segeln und Windsurfen. Eine Insel im Süden ist Brutvogelschutzgebiet.
Otto-Maigler-See (Hürth): 50,5 Hektar, entstanden aus Grube Gotteshülfe. 1977 eröffnet. Strandbad, Regattastrecke mit sechs Bahnen, Surfen, Segeln, Rudern. Eingebettet in 142 Hektar Forstfläche.
Heider Bergsee (Brühl): 35,4 Hektar, entstanden 1965. Freibad seit 1967, Campingplatz seit 1968. Segelsportvereinigung, Kanuclub (Faltbootfreunde Brühl, seit 1938). Ein 5,5 Kilometer langer Rundweg führt um den See.
Hürther Waldsee: Reiner Naturschutzsee, 1986 fertiggestellt. Nach FFH-Richtlinie geschützt. Besonders sauberes und nährstoffarmes Wasser, Armleuchteralgen, nicht für die Öffentlichkeit zugänglich.
Donatussee: 9,6 Hektar, 15 Meter tief — der tiefste der Villeseen. Unter Landschaftsschutz, ganzjährig geschützte Laichzonen.
Franziskussee: Waldsee mit zwei Inseln. Sturmmöwenkolonie mit 44 Brutpaaren.
Villenhofer Maar: Eines der ältesten Gewässer der Seenplatte. Über 30 Libellenarten, davon 10 auf der Roten Liste NRW.
Eine Region ohne natürliche Seen
Das Besondere der Ville-Seenplatte ist, dass es in dieser Region von Natur aus keine Seen gibt. Die Niederheinische Bucht ist eine von Flüssen und Lössböden geprägte Landschaft — Seen kamen darin nicht vor. Jeder einzelne der über 40 Seen ist künstlich entstanden, ein Restloch des Braunkohleabbaus. Die Seen sind damit eine Landschaftsbereicherung, die es ohne den Bergbau nicht gäbe.
Wer die gesamte Geschichte der Ville vertiefen möchte, liest unseren Überblicksartikel über die Ville-Seenplatte: Geschichte, Natur und Erholung. Wer selbst um den Liblarer See wandern will, findet unsere 6-Kilometer-Familien-Wanderung am Liblarer See. Für eine größere Tour empfiehlt sich die 17,5-Kilometer-Seenrunde durch die Ville-Seenplatte.
Fazit
Die Villeseen sind nicht einfach Restlöcher. Sie sind das Ergebnis eines Prozesses, der vor über hundert Jahren begann — mit Hacke und Spaten, mit Klütten und Pferdewagen. Aus dem ersten Kraftwerk 1899 wurden 20 Tagebaue. Aus 20 Tagebauen wurden 40 Seen. Die Rekultivierung, die 1920 mit den ersten Bäumen begann, hat aus Industriegebiet einen Naturraum gemacht, der heute 1300 Tierarten beherbergt. Wer am Liblarer See im Sand liegt, liegt auf dem Boden eines Tagebaus, der bis 1957 Braunkohle förderte. Dass man das nicht mehr sieht, ist das Ergebnis der erfolgreichsten Rekultivierung des Rheinischen Reviers.



