Die Tiere der Ville: Wildkatze, Schwarzspecht und 1300 weitere Arten
Rund 1300 Tierarten hat die Forschungsstelle Rekultivierung in der Ville gezählt — und viele Tiergruppen sind noch gar nicht systematisch untersucht. Wer durch die Wälder und an den Seen der Ville wandert, bewegt sich durch einen Lebensraum, der vor hundert Jahren ein Braunkohletagebau war. Dass hier heute Wildkatzen jagen, Eisvögel brüten und 1071 Käferarten in einem einzigen 20 Hektar großen Waldstück leben, ist das Ergebnis einer ökologischen Entwicklung, die in ihrer Art in Nordrhein-Westfalen einzigartig ist.
Die Wildkatze: Ein Raubtier kehrt zurück
Die Wildkatze (Felis silvestris) ist das scheueste Tier der Ville. Sie lebt versteckt in den Altwaldbeständen und wird kaum gesichtet. Die Villewälder zwischen Köln und Bonn — ein geschlossenes Waldgebiet von 4378 Hektar — bieten ihr den Lebensraum, den sie braucht: strukturreiche Wälder mit Totholz, Dickungen und ruhigen Rückzugsräumen. Im Projektgebiet der Villewälder, das vier Natura-2000-Gebiete umfasst, gehört die Wildkatze zu den nach der FFH-Richtlinie geschützten Arten.
Die Wildkatze ist größer als eine Hauskatze, hat einen dumpfigen, buschigen Schwanz mit schwarzer Endquaste und meidet den Menschen. Sie jagt Mäuse und andere Kleinsäuger in der Dämmerung. Dass sie in der Ville vorkommt, ist ein Indiz für die Qualität des Waldes — die Wildkatze braucht zusammenhängende, ungestörte Waldgebiete.
Der Schwarzspecht: Zimmermann des Waldes
Der Schwarzspecht (Dryocopus martius) ist mit 45 Zentimetern der größte Specht Europas. Er ist an alte Wälder gebunden — und in der Ville hat er einen seiner wichtigsten Lebensräume im Rhein-Erft-Kreis. Der Altwald Ville ist als FFH-Gebiet ausgewiesen, der Schwarzspecht ist die Leitart dieses Gebiets.
Was den Schwarzspecht so bedeutend macht: Er baut Höhlen in alte Bäume, die dann von anderen Tieren genutzt werden — Hohltaube, Waldkauz, Fledermäuse und Siebenschläfer ziehen in die verlassenen Spechthöhlen ein. Er ist ein „Zimmermann des Waldes", der Lebensraum für Dutzende anderer Arten schafft. In den Villewäldern profitieren vom hohen Alt- und Totholzanteil besonders seltene Specht- und Fledermausarten: Mittelspecht, Grauspecht und die Bechsteinfledermaus.
Fledermäuse: Jäger der Nacht
Die Villewälder beherbergen mehrere Fledermausarten, die auf der FFH-Richtlinie stehen. Die Bechsteinfledermaus (Myotis bechsteinii) ist eine Waldfledermaus, die Baumhöhlen nutzt und in alten Laubwäldern jagt. Das Große Mausohr (Myotis myotis) gehört zu den größten europäischen Fledermäusen und bildet Wochenstuben in Waldgebieten. Die Bartfledermaus und der Abendsegler (Nyctalus noctula) sind ebenfalls in der Ville nachgewiesen.
Fledermäuse sind Indikatoren für strukturreiche Wälder. Sie brauchen alte Bäume mit Rissen und Höhlen als Quartiere und insektenreiche Jagdgebiete. Die Altwaldbestände der Ville mit ihrem hohen Totholzanteil bieten genau das.
Die Naturwaldzelle: 1071 Käferarten auf 20 Hektar
Die Naturwaldzelle Altwald Ville ist das Herz der Artenvielfalt. 20 Hektar Wald, seit 1978 sich selbst überlassen — kein Mensch greift hier ein. Was auf dieser Fläche gezählt wurde, ist außergewöhnlich: 1071 Käferarten wurden nachgewiesen, darunter 364 Totholzkäferarten. Dazu kommen 83 Pilzarten.
Insgesamt liegen aus Kottenforst und Ville Meldungen für 2575 Käferarten vor, von denen 1023 in Wäldern und Gehölzen leben und 603 an Totholz gebunden sind. 243 xylobionte Käferarten leben an Eichen. Das ist ein erheblicher Artenreichtum — zum Vergleich: In ganz Nordrhein-Westfalen sind 1032 xylobionte Käferarten bekannt.
Urwaldrelikt-Käfer: Zeugen der Urwaldzeit
Fünf Urwaldrelikt-Käferarten wurden in der Naturwaldzelle Ville gefunden. Urwaldrelikte sind Arten, die an die kontinuierliche Präsenz von Alt- und Totholz gebunden sind und in bewirtschafteten Wäldern selten oder verschollen sind. In ganz Deutschland sind 144 Urwaldreliktarten bekannt, 40 davon in NRW. Die Naturwaldzelle Ville beherbergt fünf davon — auf nur 20 Hektar.
Dazu gehören der Schwielenkäfer (Teredus cylindricus, stark gefährdet), der 2011 im Altwald Ville gefunden wurde, und der Schwarzkäfer (Corticeus fasciatus, stark gefährdet), der 2009 erstmals im Altwald Ville nachgewiesen wurde. Diese Arten waren zuvor nur aus zwei Naturwaldzellen bei Münster und Jülich bekannt.
Der prominenteste Käfer der Ville ist der Hirschkäfer (Lucanus cervus). Mit bis zu 50 Millimetern Länge ist er der größte Käfer Deutschlands. Seine Larven entwickeln sich in Wurzelstöcken toter Eichen. Der Hirschkäfer ist stark gefährdet und besonders geschützt. Am Rande der Ville gibt es sogar Vorkommen aus Gärten, wo die Art in Kirschbäumen brütet.
Vögel der Seen und Wälder
Die Seen der Ville sind ein Paradies für Wasservögel. Am Otto-Maigler-See überwintern Blässralle, Reiherente, Stockente, Tafelente und Höckerschwan. Kormorane und Schellenten sind ebenfalls zu beobachten. Der See ist Durchzugs- und Winterquartier für zahlreiche Entenarten.
Am Bleibtreusee und Heider Bergsee brüten Haubentaucher, Eisvögel und Teichrallen. Die Insel im Süden des Bleibtreusees ist Brutvogelschutzgebiet. Am Franziskussee nutzt eine Sturmmöwenkolonie mit 44 Brutpaaren zwei kleine Inseln als Nistplatz — das ist über die Grenzen des Rheinischen Braunkohlenreviers hinaus bekannt.
In den Wäldern der Ville brüten weitere seltene Arten, die in der FFH-Richtlinie aufgeführt sind: Rohrweihe, Schwarzmilan, Wespenbussard, Nachtigall, Pirol, Neuntöter und Raubwürger. Der Baumfalke und der Wanderfalke sind als Nahrungsgäste in der Ville anzutreffen.
Amphibien und Reptilien
Die Feuchtgebiete und Stillgewässer der Ville sind Lebensraum für seltene Amphibien. Die Gelbbauchunke (Bombina variegata) ist eine FFH-Art und kommt in den Waldgebieten des Rhein-Erft-Kreises vor. Die Wechselkröte (Bufo viridis) ist an den Seen der Ville heimisch. Der Springfrosch (Rana dalmatina) und der Feuersalamander (Salamandra salamandra) leben in den feuchten Wäldern.
Die Zauneidechse (Lacerta agilis) ist die einzige Reptilienart, die in der Liste der Forschungsstelle Rekultivierung ausdrücklich genannt wird. Sie sonnt sich an Waldrändern und auf sonnenexponierten Böschungen.
Libellen: 30 Arten am Villenhofer Maar
Das Villenhofer Maar ist eines der ältesten Gewässer der Seenplatte und hat eine besondere Bedeutung für Libellen. Über 30 Libellenarten wurden hier nachgewiesen, davon 10 auf der Roten Liste NRW. Darunter die Kleine Pechlibelle, die Keilfleck-Mosaikjungfer, die Zierliche Moosjungfer und die Große Moosjungfer — alle gefährdet oder stark gefährdet.
Am Heider Bergsee und Bleibtreusee wurde die Scharlachlibelle (Ceriagrion tenellum) nachgewiesen, eine wärmeliebende Art, die in Nordrhein-Westfalen selten ist.
Schmetterlinge und Heuschrecken
An Schmetterlingen hat die Forschungsstelle Rekultivierung den Kleinen Eisvogel (Nymphalis antiopa), den Gelbwürfligen Dickkopffalter und das Schachbrett (Melanargia galathea) in der Ville nachgewiesen. An Heuschrecken kommt die Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens) vor, eine Art, die auf offene, sonnenexponierte Flächen angewiesen ist.
Warum die Ville so artenreich ist
Die Artenvielfalt der Ville hat zwei Hauptgründe. Erstens: Die Rekultivierung. Nach dem Ende des Braunkohleabbaus wurde nicht einfach sich selbst überlassen, sondern aktiv aufgeforstet — mit Buchen, Kiefern, Roteichen und Lärchen. Daraus entwickelten sich über Jahrzehnte strukturreiche Mischwälder. Die Forschungsstelle Rekultivierung in Bergheim begleitet die ökologische Entwicklung seit Jahrzehnten wissenschaftlich.
Zweitens: Die Naturwaldzelle. Im Altwald Ville hat sich der Mensch 1978 zurückgezogen. Seither entwickelt sich dieser Wald ohne forstliche Eingriffe. Totholz bleibt liegen, Bäume sterben natürlich, Höhlen entstehen. Genau das ist der Lebensraum, den Urwaldrelikt-Käfer, Schwarzspecht und Bechsteinfledermaus brauchen.
In bewirtschafteten Wäldern wird Totholz entfernt — aus Sicherheits- und wirtschaftlichen Gründen. In der Naturwaldzelle bleibt es. Und genau deshalb leben hier Arten, die anderswo verschwunden sind.
Die Bedeutung des Natura-2000-Netzwerks
Die Villewälder sind Teil des europäischen Natura-2000-Netzwerks. Vier Gebiete mit insgesamt 4378 Hektar Waldfläche stehen unter Schutz: der Kottenforst (2500 Hektar), die Waldville (1130 Hektar), die Villewälder bei Bornheim (725 Hektar) und der Altwald Ville. Dazu kommen drei FFH-Gewässer: der Waldseenbereich Theresia, der Heider Bergsee mit Schluchtsee und die Ober-, Mittel- und Untersee in der Ville-Seenkette.
Im Rhein-Erft-Kreis sind insgesamt acht Gebiete als FFH-Gebiete ausgewiesen — fünf Waldgebiete und drei Gewässer. Die FFH-Gebiete wurden 2004 rechtskräftig. Sie sichern den Lebensraum für Arten wie Wildkatze, Schwarzspecht, Bechsteinfledermaus, Gelbbauchunke und Große Moosjungfer.
Fazit
Die Ville ist kein Naturparadies, das immer da war. Sie ist aus Industrie entstanden — aus 20 Braunkohletagebauen, die bis in die 1960er Jahre aktiv waren. Dass hier heute Wildkatzen jagen, 1071 Käferarten in 20 Hektar Urwald leben und über 30 Libellenarten an einem einzigen Maar vorkommen, ist das Ergebnis von Rekultivierung, Naturschutz und der Kraft der Natur, sich selbst zu heilen. Wer die Tiere der Ville sehen will, muss früh aufstehen, leise sein und Geduld haben. Sie sind da — aber sie sind wild.
Mehr über die Landschaft, in der diese Tiere leben, erfährst du in unserem Überblicksartikel über die Ville-Seenplatte: Geschichte, Natur und Erholung. Wie die Seen entstanden, liest du in Wie die Villeseen entstanden: Vom Braunkohletagebau zur Seenplatte.



