Landesburg Lechenich: 700 Jahre Burggeschichte im Herzen Erftstadts
Kurzübersicht
- Art: Burgruine mit englischem Landschaftspark
- Errichtet: 1306-1317 unter Erzbischof Heinrich II. von Virneburg
- Standort: Über der Altstadt von Lechenich, Erftstadt
- Zugänglichkeit: Park und Außenanlage frei zugänglich, Ruine nur von außen
- Eintritt: Frei
- Parken: Marktplatz Lechenich (ca. 300 m entfernt, kostenlos)
- Picknick: Wiesen im Landschaftspark — Proviant mitbringen
- Kombination: Ideal mit Altstadt-Spaziergang und Einkehr auf dem Marktplatz
- Adresse: Schlossstraße, 50374 Erftstadt-Lechenich · Google Maps
Inhalt
- Die Vorgängerin: Eine Burg, die 1301 zerstört wurde
- 700 Jahre in Feldbrandziegel: Der Bau der neuen Burg
- Architektur: Mauern so dick wie ein Auto lang
- Residenz der Erzbischöfe — mit königlichen Gästen
- Gerichtsort: Hexenprozesse und das Galgenfeld
- Belagerung und Brand: Die Burg im Krieg
- Die Burg heute: Vom Dornröschen zum Denkmal
- Die Altstadt Lechenichs
- Einkehr in der Nähe
- Praktische Tipps
- Mehr Sehenswürdigkeiten in Erftstadt
Sie thront über der Altstadt von Lechenich, sichtbar schon von Weitem: die Landesburg Lechenich, erbaut zwischen 1306 und 1317, eine der mächtigsten rheinischen Burganlagen des Mittelalters. Doch die Landesburg war mehr als eine Festung — sie war Residenz der Kölner Erzbischöfe, Gerichtsort, Verwaltungszentrum und Schauplatz rheinischer Geschichte. Könige und Kaiser kehrten hier ein. Hexenprozesse wurden hier geführt. Und eine Belagerung 1642 überstand die Burg — bevor französische Truppen sie 1689 in Brand steckten.
Heute ist die Burgruine umgeben von einem englischen Landschaftspark und bildet das Herzstück der historischen Altstadt Lechenichs.
Die Vorgängerin: Eine Burg, die 1301 zerstört wurde
Bevor die heutige Landesburg gebaut wurde, stand im Südwesten der Altstadt eine ältere Burg — erstmals 1138 als curia erwähnt. Sie lag auf einer Motte, einem künstlichen Erdhügel mit Wohnturm, umgeben von breiten Wassergräben, die der Rotbach (heute Mühlenbach genannt) speiste. Auch die Vorburg war von eigenen Gräben geschützt. Eine mächtige Wehranlage, zusätzlich umgeben von einem Erdwall.
Die Burg war mehrfach umkämpft. In den Territorialkämpfen des 13. Jahrhunderts zwischen den Kölner Erzbischöfen und den Herzögen von Brabant sowie den Grafen von Jülich wurde die Burg mehrmals belagert — konnte aber nicht eingenommen werden. Auch Erzbischof Konrad von Hochstaden nutzte sie im Konflikt mit der Stadt Köln: Er verschleppte Kölner Patrizier nach Lechenich und setzte sie in der Burg fest. 1289 war die Burg nach der Schlacht von Worringen als Sicherheit an den Grafen von Berg verpfändet, der sie bis 1292 besaß.
Das Ende kam 1301: In einer Auseinandersetzung König Albrechts I. mit dem Kölner Erzbischof Wigbold von Holte um die Rheinzölle ernannte der König Graf Gerhard von Jülich zum Friedensvogt. Der zerstörte auf königlichen Befehl die alte Burg und die noch im Bau befindliche Stadtbefestigung. Auf dem Areal ist der ehemalige Wassergraben heute noch schwach zu erkennen — auf der Tranchotkarte von 1810 waren die Gräben noch offen.
700 Jahre in Feldbrandziegel: Der Bau der neuen Burg
Der Kölner Erzbischof Heinrich II. von Virneburg begann 1306 — mit Erlaubnis König Albrechts — den Bau einer neuen Burg, diesmal innerhalb der Stadt. Der von Paul Clemen als Bergfried bezeichnete Wohnturm wurde zwischen 1306 und 1317 errichtet. Unter den Erzbischöfen Walram von Jülich (1332-1349) und Wilhelm von Gennep (1349-1362) wurde die Burg kastellartig ausgebaut.
Zwei breite Wassergräben sicherten die Anlage: der äußere Graben umgab das gesamte Gelände, der innere Graben umschloss die Hauptburg. Dazu kam die mit Mauern und Gräben befestigte Stadt Lechenich als zusätzlicher Schutz.
Der Bau mit Feldbrandziegeln war zu damaliger Zeit eine neue Technik. Die Staufer hatten sie aus Italien — wo die Römer sie bereits genutzt hatten — nach Deutschland eingeführt. Die Landesburg war wohl der erste Großbau in dieser Technik im rheinischen Raum. An den Ecken und Fensterumrahmungen wurde dennoch Trachyt vom Drachenfels verwendet — ein Vulkangestein aus dem Siebengebirge, das auch für den Kölner Dom genutzt wurde.
Ein düsteres Detail: Nach den Judenverfolgungen von 1349 wurden Grabsteine des aufgelassenen Kölner Judenfriedhofs als Spolien neu behauen und in der Burg verbaut. Gut erhalten ist der Grabstein des Mar Jacob am Tor der Vorburg — ein stummes Zeugnis mittelalterlicher Verfolgung, das heute noch an der Burg zu sehen ist.
Architektur: Mauern so dick wie ein Auto lang
Die Ausmaße der Burg sind beeindruckend. Der fünfgeschossige Bergfried ist 15 Meter lang und 13 Meter breit. Die Mauern haben unten eine Stärke von 2,50 Metern — sie verringern sich von Stockwerk zu Stockwerk um 20 Zentimeter. Das Hochschloss (Palas) nimmt mit 33 Metern Länge und 12 Metern Breite die gesamte Ostseite der Anlage ein. Es wird flankiert von zwei siebenstöckigen Türmen.
Zwei breite Wassergräben, ein äußerer und ein innerer, umgaben die Anlage. Die mit Mauern und Gräben befestigte Stadt Lechenich bildete einen zusätzlichen Schutzring. Wer die Burg einnehmen wollte, musste zuerst die Stadt erobern — und dann zwei Gräben überwinden.
Residenz der Erzbischöfe — mit königlichen Gästen
Die Landesburg Lechenich war nicht nur Verteidigungsbau, sondern eine der Residenzen der Kölner Erzbischöfe — anders als die reinen Verwaltungsburgen in Linn, Zülpich, Hülchrath, Kempen, Uda und Zons. Der große Residenzsaal diente dazu, Huldigungen entgegenzunehmen, Belehnungen und Bestallungen vorzunehmen, Schiedssprüche auszusprechen und Diplomaten zu empfangen. Zwischen 1351 und 1381 fanden hier regelmäßig Zusammenkünfte des Landfriedensbündnisses Maas-Rhein statt.
Die überlieferte Geschichte des 15. und 16. Jahrhunderts berichtet von mehreren prominenten Gästen:
- König Sigismund 1414, auf dem Ritt zu seiner Krönung in Aachen — und auf der Rückreise nach Bonn.
- König Friedrich III. am 13. Juni 1442, auf seiner Krönungsfahrt von Bonn nach Aachen.
- Kaiser Karl V. 1543, anlässlich seines Zugs nach Düren.
Drei Krönungsfahrten machten in Lechenich Station — die Burg lag an der wichtigsten Reisestrecke zwischen Bonn und Aachen.
Die Burgbesatzung war klein: 16 Personen dauerhaft — der Amtmann, der Kellner, der Unterkellner, der Burggraf, ein Pförtner, mehrere Wächter und Gesinde. Der Amtmann verfügte zusätzlich über 6-8 Reisige (berittene Soldaten). Die Vorburg beherbergte Wirtschaftsgebäude und war ein Tafelgut des Erzbischofs: Die Erträge der zugehörigen Ländereien versorgten die erzbischöfliche Küche. Mastochsen und Schafwolle wurden verkauft, die Gewinne flossen in den Burghaushalt.
Gerichtsort: Hexenprozesse und das Galgenfeld
Die Landesburg war Verwaltungszentrum und Gerichtssitz des Amtes Lechenich. Viermal im Jahr hielt der Amtmann als Vertreter des Landesherrn Herrengericht — die Einwohner waren zur Teilnahme verpflichtet. Ihnen wurden ihre Rechte und Pflichten im Weistum (dem Bauernbuch) aufgezeichnet und Beschwerden geklärt. Bei Verstößen verhängte der Amtmann mit Brüchtenmeister, Schultheiß und Schöffen Geldstrafen.
Die Burg besaß Hochgerichtsrechte — das Recht auf die Todesstrafe. Der Scharfrichter reiste aus Köln an und vollstreckte die Urteile an der Richtstätte außerhalb der Stadt, nahe der ehemaligen Römerstraße. Der Weg dorthin ist auf der Tranchotkarte von 1810 noch als die Galgendricht bezeichnet.
In den Hexenprozessen von 1626 bis 1632 verhängten Schultheiß und Schöffen die Todesstrafe bei schweren Vergehen und Hexerei. Die Hexenverfolgung in Lechenich fiel in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, als Angst und Not die Menschen suchten — und Sündenböcke brauchten.
Belagerung und Brand: Die Burg im Krieg
Nachdem die Erzbischöfe ihre feste Residenz in Bonn hatten, hielten sie sich nur noch selten in Lechenich auf. Belegt sind Aufenthalte zur Jagd in der Ville und Übernachtungen auf der Hin- und Rückreise zum Bistum Lüttich, dessen Fürstbischöfe sie ebenfalls waren. Nach 1657 sind keine Übernachtungen mehr verzeichnet.
Die Belagerung Lechenichs vom 17. April bis 26. Mai 1642 durch Söldnertruppen unter dem Befehl des französischen Generals Guébriant war der militärische Höhepunkt der Burggeschichte. Die Burg wurde nicht eingenommen — aber die Stadt trug große Schäden davon. Die Mauern hielten. Die Bürger litten.
In den Kriegen Ludwigs XIV. von Frankreich wurde die Burg 1673 durch kaiserliche Truppen unter Montecuccoli kampflos eingenommen und bis 1679 besetzt. Als die wieder einquartierten französischen Truppen am 21. April 1689 vor den anmarschierenden Brandenburgern abzogen, steckten sie das Schloss in Brand. Die Anlage hatte ihre strategische Bedeutung verloren. Der abgebrannte Dachstuhl wurde notdürftig repariert — die Räume, einschließlich des ehemaligen großen Residenzsaals, dienten als Getreidemagazin. Aus dem Festsaal der Erzbischöfe wurde ein Kornspeicher.
Im 18. Jahrhundert verfiel das Schloss zunehmend. Nur der Gefängnisturm, das Demeritenhaus der Erzdiözese Köln und die Schlosskapelle im südlichen Trakt blieben erhalten. Nach Stadtbränden 1702 und 1722 wurde die Vorburg jeweils wiederaufgebaut.
Die Burg heute: Vom Dornröschen zum Denkmal
Im Zuge der Säkularisation unter Napoleon wurde die Burg 1805 versteigert. Andreas Borlatti, der Sohn des letzten Oberkellners, kaufte sie. Einige Bauten — darunter die Reste des Südflügels mit der Schlosskapelle — wurden abgerissen. Sie sind nur noch durch Gemälde von A. Reuter (1795 und 1797) bekannt.
Die wechselnden Privatbesitzer nach Borlatti lesen sich wie ein Who's Who des rheinischen Bürgertums: Die Enkelin Borlattis und ihr Ehemann Cassius Rospatt, dann Heinrich Fischenich (1869, der damit zum meistbegüterten Grundeigentümer Lechenichs aufstieg), dann 1894 Georg von Bleichröder — Sohn des Berliner Bankiers Gerson von Bleichröder, des Bankiers Bismarcks. Bleichröder gründete ein Gestüt, den Römerhof bei Lechenich. Er starb 1902 an den Verletzungen, die er bei einem Automobilunfall beim Herriger Bäumchen erlitt — einer der ersten tödlichen Autounfälle in der Region.
1932 bis 1967 gehörte die Burg Hans Reinhard Schmidt-Elmendorff, Ordinarius für Geburtshilfe und Frauenheilkunde an der Universität Düsseldorf. Seit 2003 sind die Besitzer Heinrich Ico Prinz Reuß und Corinna Prinzessin Reuß, die Erben der Familie Schmidt-Elmendorff.
Im 19. Jahrhundert fiel die Burg in einen idyllischen Dornröschenschlaf. Die Euskirchener Zeitung schrieb 1880: Man möge bei einer Vergnügungstour keinesfalls versäumen, „der romantischen Ruine und dem angrenzenden lauschigen Park, dem Lieblingsplätzchen süßflötender Nachtigallen" einen Besuch abzustatten.
Mit finanzieller Unterstützung des Landschaftsverbandes erfolgten im 20. Jahrhundert mehrfach Restaurierungen, die den Bestand der Ruine sicherten. Erwogene Nutzungsmöglichkeiten wie Konzertveranstaltungen wurden bisher nicht realisiert. Die Landesburg vermittelt noch als Ruine einen Eindruck ihrer früheren Bedeutung als stark befestigte Verwaltungsburg des Landesherrn — und verdeutlicht den Unterschied zu den zahlreichen Adelssitzen des Rhein-Erft-Kreises.
Die Erftstädter Stadtverwaltung bietet Führungen durch die Landesburg, den Schlosspark und die Lechenicher Altstadt an. Ansprechpartner ist der Freundes- und Förderkreis Lechenicher Schlosspark e.V.
Die Altstadt Lechenichs
Die Landesburg ist eingebettet in die historische Stadtbefestigung Lechenichs, die zwischen 1250 und 1350 errichtet wurde. Das Herriger Tor — ein mittelalterliches Bruchstein-/Sandsteintor mit Stufengiebel — ist das bekannteste Stadttor. Das Historische Rathaus Lechenichs, ein dunkelroter Backsteinbau im Neugotik-Stil mit Treppengiebel, steht am Marktplatz.
Lechenich ist der einzige Ortsteil Erftstadts mit echtem historischem Charakter. Im Gegensatz zu Liblar, das modern und funktional ist, hat Lechenich einen erhaltenen Altstadtkern mit Fachwerk, Backstein und mittelalterlicher Struktur.
Einkehr in der Nähe
Die Landesburg selbst hat keine Gastronomie — aber Lechenichs Altstadt hat gleich mehrere Restaurants in Gehweite:
Frenzen+ (Frenzenstraße 26, 50374 Erftstadt-Lechenich) — Die nächste Gastronomie: 260 Meter, 3 Minuten zu Fuß. 4,4 Sterne, 391 Bewertungen, 20-50 €. Restaurant mit regionaler und saisonaler Küche, Speisen vor Ort. Tischreservierung online möglich. frenzenplus.de · Google Maps
Stadtgarten Lechenich (Markt, 50374 Erftstadt-Lechenich) — Biergarten am Marktplatz. 550 Meter, 8 Minuten zu Fuß. 4,7 Sterne, 65 Bewertungen, 10-20 €. Im Sommer der schönste Platz für ein Bier nach dem Burgbesuch — direkt am historischen Marktplatz. Öffnet Di-So ab 17 Uhr. Tel: 0176 61688276 · Google Maps
NEM68 (Schloßstraße 6-8, 50374 Erftstadt-Lechenich) — Italienische und internationale Küche. 600 Meter, 8 Minuten zu Fuß. 4,5 Sterne, 360 Bewertungen, 20-30 €. Speisen vor Ort und Lieferdienst. nem68-erftstadt.de · Google Maps
Haus Germania (Bonner Str. 41, 50374 Erftstadt-Lechenich) — Hotel und Restaurant mit Terrasse. 650 Meter, 9 Minuten zu Fuß. 4,8 Sterne, 881 Bewertungen. Regionale Küche, auch Übernachtung möglich. haus-germania.de · Google Maps
Picknick im Burgpark
Der englische Landschaftspark rund um die Burgruine lädt zum Picknick ein — mit Wiesen, altem Baumbestand und Blick auf die Burgmauern. Wer Proviant mitbringt, kann zwischen Geschichte und Natur picknicken. Ein Bäcker und Supermarkt sind in der Altstadt in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar.
Wer die Burg mit dem Rad verbindet: Am Erft-Radweg liegt der Standpunkt 64 (Biergarten direkt an der Erft) und das Landhaus Burg Konradsheim — beides etwa 6 km südlich.
Praktische Tipps
Lage: Schlossstraße 18, 50374 Erftstadt-Lechenich. Die Burg liegt in der Nordostecke der Altstadt.
Eintritt: Der Schlosspark ist öffentlich zugänglich. Für die Burg selbst gibt es geführte Termine.
Führungen: Über die Stadt Erftstadt, Telefon 02235/953041. Der Förderkreis Lechenicher Schlosspark organisiert regelmiässig Termine.
Einkehren: Am Marktplatz Lechenich gibt es mehrere Restaurants — vom Bistro bis zur gehobenen Küche.
Parken: Parkplätze am Marktplatz Lechenich vorhanden.
Mehr Sehenswürdigkeiten in Erftstadt
Die Landesburg ist eines von drei historischen Highlights in Erftstadt. Wer Burgen und Schlösser mag, kombiniert die Ruine mit dem barocken Wasserschloss Gracht in Liblar (9 Hektar Park, „Straße der Gartenkunst") und dem Erft-Radweg, der an Burg Konradsheim und Schloss Gymnich vorbeiführt.
Wer nach dem Burgen-Besuch Natur sucht, ist in 10 Minuten am Liblarer See oder auf der Seenrunde der Ville-Seenplatte.
Fazit
Die Landesburg Lechenich ist das historische Gegenstück zum barocken Schloss Gracht in Liblar: Wo Schloss Gracht Gartenkunst zeigt, präsentiert die Landesburg rohe mittelalterliche Macht. Drei Könige kehrten hier ein, Hexenprozesse wurden hier geführt, eine Belagerung überstand die Burg — bevor französische Soldaten sie 1689 in Brand steckten. Wer Erftstadt versteht, muss beide gesehen haben — das barocke Wasserschloss und die mittelalterliche Backsteinburg. Sie erzählen zusammen 700 Jahre Stadtgeschichte.
Mehr über die Landschaft, in der dieser Ausflug liegt, erfährst du in unserem Artikel über die Die Ville.



